Sie lieben Spiele. Gesellschaftsspiele wie ‚Das Hausfrauenschänderspiel‘. ‚Komm sei kein Spielverderber, kleiner Georgi‘, ermuntert Collegerektorentochter Martha ihren Ehemann. Was nett klingen mag, ist zum Kotzen. Um es mit Marthas Worten auszudrücken: Martha ‚Du kotzt mich an, George!‘
Das dreiaktige Beziehungsdrama ‚Wer hat Angst vor Virginia Woolf?‘ von Edward Albee ist nichts für Sensibelchen. Regisseur und Schauspieler Arnim Beutel inszenierte den Eheklassiker für das Theater Vorpommern nach einer Übersetzung von Pinkas Braun. Sonnabend hatte er in Greifswald Premiere. Auf den ersten Blick scheint das Stück die realistische Szenerie eines Ehestreits darzustellen:

Geschichtsprofessor George und seine Ehefrau Martha zanken und streiten sich beim Whiskey mit dem jungen ehrgeizigen Biologieprofessor Nick (Fabian Prokein) und seiner naiv-angepassten Ehefrau Honey (Anna Luise Borner).
Mehr aus Lust am Gewaltspiel entzünden sie eine Verbalexplosion gegenseitiger Beschuldigungen und Erniedrigungen. Als ‚Versager‘ oder ‚Schlappschwanz ohne Persönlichkeit‘ bezeichnet Martha ihren George – Demütigungen aufgrund eigener Frustration über die Kinderlosigkeit. George attackiert sie mit verbalen Nadelstichen. Die beiden Wütenden involvieren Nick und Honey in ihre Psychoduelle, sodass auch das junge Päarchen sich bald vor den Trümmern seiner Etikettenlüge sieht. Während Nick mit der Professorengattin hofiert, geht Honey wie so oft kotzen. Doch auch der potente ‚Mr. America‘ ist nichts weiter als ein ‚Zuchtbulle‘ und ‚Hausbursche‘. Schaut man genauer hin, entpuppt sich der intime Ehekrach als Kritik am gutsituierten amerikanischen Bürgertum – dem American Way of Life – verkörpert von Nick und Honey. ‚Das Stück ist auf keinen Fall ein Ehedrama. Es beinhaltet als philosophische These Adornos Kritik an Oswald Sprengler‘, erklärt der Regisseur. Am Ende gibt es keine Sieger oder Verlierer. Vielmehr folgt Erlösung. Das imaginierte Kind – der amerikanische Traum vom guten Leben – wird von George mithilfe einer rituellen Geisterbeschwörung für tot erklärt. Denn der Traum beruht auf einer Lüge. Erlöst summen George und Martha ‚Wer hat Angst vor Virginia Woolf‘. Mit seiner dreistündigen Psychoanalyse des US-amerikanischen Lebensstils hat Beutel ins Schwarze getroffen: Besser hätten die präzisen, von Bitterkeit und Zynismus strotzenden Dialoge Albees vor dem Hintergrund eines 60er-Jahre-Bühnenbildes mit Korbsesseln und Kennedymöbeln nicht erzählt werden können.
Und Marco Bahr als Zyniker und Kritiker George ist großartig. Umso bedauernswerter, dass dies auf Wunsch des Theaters seine letzte Premiere war und dieselbe mit einem kleinen Eklat endete.

Inszenierung:Armin Beutel
Bühne und KostümeSabine Pommerening
Dramaturgie:Franz Burkhard
Regieassistenz: Kathleen Friedrich
Inspizienz:Vivian Schmidt
Soufflage:Jürgen Meier
George:
Marco Bahr
Martha: Gabriele M. Püttner
Nick:
Fabian Prokein
Honey:Anna Luise Borner
Fotos:Barbara Braun / MuTphoto
Premiere:9. Mai 2015
Theater Vorpommern

Das Theater der unerhörten Dinge (UA)

eine Hausbegehung von Roland Albrecht

Von der Rampensau bis zum Wunsch-Archiv – Die Uraufführung von „Das Theater der unerhörten Dinge“ begeisterte das Publikum in Greifswald

Greifswald. Willkommen in der Welt des Spiels, der Täuschung, des Möglichen und des Unmöglichen, begrüßte Lutz Jesse als Pförtner das Publikum. In schwarzem Frack, Lackschuhen und vornehmer Geste öffnete er die Türen zu den verborgenen Zimmern des Theaters Greifswald.
Die Uraufführung des Stücks Das Theater der unerhörten Dinge erzählte am Wochenende von wunderbaren Begebenheiten, erstaunlichen Geschichten und rätselhaften Gegenständen im Theaterhaus, die dem Publikum bisher verborgen blieben. Arnim Beutel hat die geheimnisvolle Hausbegehung nach dem Autoren Roland Albrecht inszeniert, dem Gründer des Museums der unerhörten Dinge in Berlin. Das Format des Museums wurde hier zum ersten Mal auf ein Theater zu übertragen.
Von 22 Uhr an wurden die 20 Zuschauer von den spontan agierenden Schauspielern Lutz Jesse und Jan Bernhardt gut eineinhalb Stunden in die Geheimnisse des Theaters entführt. Sie begegneten der Rampensau, saßen auf der Bühne, erhaschten einen Blick in den Requisiten- und lernten den Sehnsuchtsraum kennen. Das Theater wird von Sehnsüchten gemacht. Wir sehnen uns nach einer neuen Welt, großen Gefühlen und Ruhm, erzählte Jesse. Humorvoll und ironisch leiteten die beiden Schauspieler durchs nächtliche Haus und entlockten dem Publikum Lacher. Hinweise auf ständige Überwachung per Kamera und elektronische Datenspeicherung in allen Räumen verspotteten den Sicherheitsstaat als Absurdität. Der ewige Autor, der Gedanken von Menschen verschriftlichen kann, erstaunte die Anwesenden ebenso wie das Archiv der Wünsche, das ein Geheimnis des aus Greifswald stammenden berühmten Fußballers Toni Kroos hütet. Das schummrige rote Licht wies den Besuchern den Weg durchs dunkle Gemäuer des Kellers ins Unterbewusste des Theaters.
Schaurig, so kurz vor Mitternacht, erfuhr das Publikum sogar, was es mit den Hausknochen auf sich hat.
Als historischen Rückgriff darauf, dass Greifswald bis 1815 zu Schweden gehörte, warf Jesse bis zum Entnerven Begriffe wie das schwedische Gen und das Volksgen ein: Ich habe ja nichts gegen die Schweden, aber ich muss was gegen sie sagen, der Satz zeugte von beißendem Sarkasmus. Albrecht erklärte: Diese völkische Ideologie-Kritik musste einfach in das Stück. Zu entsetzt war ich, als NPD und AFD bei den Landtagswahlen vergangenes Jahr so viele Stimmen erhielten. Ein sehr gelungenes Stück der anderen Art. (Annemarie Bierstedt) Ostseezeitung, 25. April 2017

museumderunerhoertendinge.de

Dramaturgie: Sascha Löschner
mit: Jan Bernhardt, Lutz Jesse
Fotos: Vincent Leifer

Premiere: 21. April 2017, Theater Vorpommern Greifswald

Die Firma dankt

von Lutz Hübner

… Lutz Hübner … konfrontiert in seinem 2011 uraufgeführten Stück „Die Firma dankt“ die klassisch strukturierte deutsche Unternehmenskultur mit den ziemlich unkonventionellen Arbeitsbedingungen in modernen Start-ups oder digitalen Großkonzernen, wo vermeintlich flache Hierarchien und diverse Wohlfühl-Maßnahmen im Team für größtmögliche Kreativität, Produktivität aber auch Selbstausbeutung und Gewinnmaximierung sorgen sollen.

Doch ganz so schwarz-weiß, wie es auf den ersten Blick scheint, zeichnet die Inszenierung des Mittelsächsischen Theaters, die am Sonnabend im Döbelner Theater Premiere hatte, weder die Figuren, noch deren Handlungen. So wie der Erfolgsautor in seinen Stücken nie eindeutig Partei ergreift, schafft auch Regisseur Arnim Beutel für jede der Rollen immer wieder Situationen, in denen deren Position nachvollziehbar und richtig erscheint. Über jeden kann man lachen, jeden ein bisschen mögen und sich von jedem abgrenzen …“ Thilo Harder, Döbelner Anzeiger 20.03.17

Artikel auf der Seite des Mittelständischen Theaters

Kritik als PDF 1

Kritik als PDF 2

Ausstattung: Tilo Staudte
Ralph Sählbrandt (Adam Krusenstern)
Oliver Niemeier (Sandor Meyer)
Conny Grotsch (Ella Goldmann)
Franka Anne Kahl (Mayumi Selo)
Michael Berger (John Hansen)
Premiere: 18. Februar 2017 Mittelsächsisches Theater

Fotos: Jörg Metzner

Die 81 Min. des Fräulein A.

von Lothar Trolle

Schöne Wanderung durch Welten, Seelen und einen Text

Faszinierend! Theater braucht wenig – und vermag doch zu verzaubern. Aber was heißt wenig? Es ist das, worauf es ankommt: Ein Raum, geschicktes Licht, sehr guter Text, eine Schauspielerin, die den Text nicht nur spielt, sondern auf ihm spielt wie auf einem Instrument (dabei Figuren erblühen lässt – und selbst erblüht).
So führt Schauspielerin Frederike Duggen (Regie Arnim Beutel) den Prosa-Brocken Die 81 Min. des Fräulein Julie von Lothar Trolle am Theater Vorpommern auf, zerlegt mit fröhlicher Spiellust dieses Text-Konstrukt aus überlangen, verschachtelten Sätzen und Klammerausdrücken, in dem Szenenbeschreibung und Figurentext untrennbar vermischt sind. Mit schelmisch-bedeutungsvollen Seitenblicken zum Publikum wandert sie zielstrebig von einem Punkt der Bühne zum anderen, das heißt von einem Komma im Text (oder einer Klammer auf) zum nächsten (oder zur Klammer zu), wandert weiter, geht zurück, nach vorn oder hinten, um eine Figur sprechen zu lassen. Und erntet am Ende Bravos.
… die Supermarktkassiererin aus Lothar Trolles Stück … ist während ihres harten und unterbezahlten Achteinhalb-Stunden-Tages dem Himmel am nächsten – dank sprudelnder Fantasie, in der die Weltliteratur mit Zeus und Noah, Odysseus und König Lear wildeste Purzelbäume schlägt – so dass man künftig jede Kassiererin mit gnädige Frau anreden möchte.

Bravo! (Dietrich Pätzold) Ostsee-Zeitung, 24.12.2016

Artikel in „Theater der Zeit“

 

Inszenierung: Arnim Beutel
Es spielt: Frederike Duggen
Soufflage: Frederike Steinbrückner
Dramaturgie: Hannes Hametner
Premiere: 22. Dezember 2016, Theater Vorpommern
Fotos: Vincent Leifer

 

Aladin und die Wunderlampe

Zauberhafte bunte Märchenwelt...

Ostthüringer Zeitung, 1.11.2016
Das Rudolstädter Theater zeigt „Aladin und die Wunderlampe“ als wundervolle Weihnachtsgeschichte für Kinder ab fünf Jahre Von Ulrike Kern
Rudolstadt. Solch eine goldene Wunderlampe wie Aladin hätte sicher jeder gern. Was man sich damit alles wünschen könnte. Einfach alles! Denn Bao Bao (Kevin Kröber), den man ruft, wenn man dreimal an der Lampe reibt, ist der größte Zauberer und kann deshalb alles erfüllen. „Jeder Wunsch der Erde – sprich, ist ein Kinderspiel für mich. Sagst du’s mir, dann helf‘ ich dir“, reimt er immer, wenn er erscheint, um kurz darauf, wahre Wunder zu vollbringen.
Diese Lampe ruft natürlich auch Neider auf den Plan. Allen voran den etwas chaotischen Kittifix (Tino Kuhn), der ständig beim Reden die Buchstaben verwechselt und sich nicht einmal ein Frühstück herbeizaubern kann, obwohl er selbst ein Zauberer ist.
Damit beginnt im Rudolstädter Theater das Märchen „Aladin und die Wunderlampe“ von Rosmarie Vogtenhuber frei nach der Erzählung aus „1001 Nacht“. Über eine Stunde werden die kleinen und großen Zuschauer mit auf eine wundervolle Reise in den bunten Orient genommen, wo eine Reihe schräger und liebenswerter Figuren wartet. Unter anderem jener Kittifix, der die Wunderlampe dringend braucht, um richtig zaubern zu können. Zwar muss ihm bereits der englische Ringgeist Sir William (Marie Luise Stahl) dienen. Aber der ist nur ein kleiner Zauberer, der zwar Frühstück machen kann. Doch für die großen Dinge bedarf es Bao Bao.
Da aber nur Aladin (Andreas Mittermeier), der arme Schneidersohn, die Lampe aus einer Schatzhöhle holen kann, überredet Kittifix Aladins Mutter (Laura Bettinger), ihm den Sohn auf Reisen mitzugeben. Doch der junge Bursche hat ganz andere Sorgen, denn er will Prinzessin Smillina (Marie Luise Stahl) heiraten, die allerdings ihr Vater, der Sultan (Tino Kühn), schon dem hinterlistigen Großwesir (Kevin Körber) versprochen hatte. Da kommt Aladin die Wunderlampe doch gerade gelegen, ihm seinen Wunsch bezüglich der Heirat mit der Prinzessin, zu erfüllen.
Regisseur Arnim Beutel bringt eine zauberhafte Inszenierung auf die Bühne, die einerseits in die Märchenwelt des Orients entführt, andererseits modern und pfiffig daherkommt und durchaus für viel Gelächter im Publikum sorgt. An seiner Seite sorgt Ausstatterin Sabine Pommerening für eine Farbenpracht auf der Bühne. Besonders Bao Bao mit seiner leuchtenden Pluderhose ist eine Augenweide. Großes Lob verdient auch das fünfköpfige Schauspielteam, das, zumeist in Doppelrollen besetzt, eine bewundernswerte Leistung abliefert. Ein schönes Weihnachtsmärchen – unbedingt sehenswert.

Inszenierung:Arnim Beutel
Bühne und Kostüme:Sabine Pommerening
Dramaturgie:Ulrike Lenz
Kittifix / Sultan:  Tino Kühn
Bao Bao / Großwesir:  Kevin Körber
Hannibal / Mutter:  Laura Bettinger
Smillina / Sir William:  Marie Luise Stahl
Aladin:  Andreas Mittermeier
Fotos: Peter Scholz
Premiere:29. Oktober 2016
Theater Rudolstadt

In 80 Tagen um die Welt

Abenteuerstück von Susanne F. Wolf nach Jules Verne

Greifswald. „ . . . Phileas Fogg (Marvin Rehbock) ist un peu malade in den Kopf‘ stellt sein Diener Jean Passepartout (Alexander Frank Zieglarski) immerwieder fest. Aber warum nur? Wohl wegen seiner vollkommen verrückten Wette, in 80 Tagen um die ganze Welt zu reisen. Die Geschichte, basierend auf dem Roman von Jules Verne wurde am Theater Vorpommern von Arnim Beutel inszeniert und am Donnerstag feierte das Abenteuerstück seine Premiere. Doch worum geht es eigentlich genau? Mithilfe weniger Requisiten – eigentlich sogar nur einer – schaffen es fünf Schauspieler in jeweils mehreren Rollen das Publikum in Atem zu halten. Für die temporeiche Jagd um die ganze Welt nutzt die Reisegesellschaft sämtliche Transportmittel, schließlich ist die Welt käuflich, wie Passepartout feststellt. Amüsant und packend mit Elementen des Schattenspiels, auf alt gemachten Filmszenen, ohrwurmverdächtiger Musik und grandiosem Schauspiel. Der Klassiker im modernen Gewand!“ – Blitz am Sonntag, 15. Mai 2016

Inszenierung / Videos:Arnim Beutel
Bühne und Kostüme:Svea Schiemann
Dramaturgie:Jörg Hückler
Regieassistenz/Inspizienz:Kerstin Wollschläger
Soufflage:Laura Fouquet
Fotos:Vincent Leifer
Phileas Fogg/Kalianhänger/Zirkusdirektor/Indianer I:Marvin Rehbock
Aouda Marsam/Mr. Honeysuckle/Kapitän/Indischer Verkäufer/Zugführer in Indien/ Kalianhänger/1. Matrose:Anna Luise Borner / Susanne Kreckel
Passepartout/Earl of Earl Grey/Sir Elton/Kalianhänger:Alexander Frank Zieglarski
Francis Fix/Mr. Stuart/Sgt. Mayer/Kalipriester/Indianer II/2. Matrose: Dennis Junge / Felix Meusel
Elise/Mr. Sotheby/Konsul Fairbanks/Schalterbeamter/Hator/Ober/Zugführer in Amerika/Kapitän Speedy:Anne Greis
Premiere:12. Mai 2016
Theater Vorpommern

Die acht Frauen

Kriminalkomödie von Robert Thomas

Eine abgelegene Villa, Familienmitglieder und Freunde reisen zu einem Fest an. Doch der Hausherr erscheint nicht zum festlichen Familienfrühstück. Die jüngere Tochter entdeckt den Vater ermordet im Bett. Das Telefon funktioniert plötzlich nicht mehr, die Zündkabel des Autos sind durchgeschnitten und das Gartentor ist versperrt. Die Damen beginnen argwöhnisch, sich gegenseitig zu befragen und zu verhören. Schnell wird klar, dass alle acht Frauen ein Motiv und eine Gelegenheit zur Tat hätten. Und genauso offensichtlich wird, dass jede hinter ihrer Maske ein Geheimnis hütet. Die Suche nach der Mörderin beginnt … Robert Thomas’ Kriminalkomödie „Die acht Frauen“ wurde 1961 mit grandiosem Erfolg in Paris uraufgeführt, 2002 von François Ozon in französischer Starbesetzung fürs Kino adaptiert und u.a. mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet.

Kritik Sächsische Zeitung 14. März 2016

Kritik Döbelner Allgemeine Zeitung 14. März 2016

Regie/Ausstattung:Arnim Beutel
Regieassistenz/Inspizienz:Radoslav Tscherniradev
Soufflage:Gisela Klowat
Es spielen:
Gaby:Franka Anne Kahl
Susanne:Anna Bittner
Catherine:Farina-Liza Tollewski
Mamy:Ines Kramer
Madame Chanel:Conny Grotsch
Pierette:Susanna Voß
Fotos:Jörg Metzner
Premiere:12. März 2016
Mittelsächsisches Theater Döbeln

Das Geld

von Grażyna Kania nach dem gleichnamigen Roman von Émile Zola

„Ich liebe die Reichen. Die Reichen sind die am stärksten diskriminierte Minderheit der Welt. Jeder haßt die Reichen, sei es offen oder heimlich, weil jeder die Reichen offen oder heimlich beneidet. Ich, ich liebe die Reichen. Irgend jemand muß sie lieben. Klar, viele reiche Leute sind Arschlöcher, aber glaube mir, das sind viele arme Leute auch, und ein Arschloch, das Geld hat, kann wenigstens seine Drinks selbst bezahlen.“

aus Tim Robbins, „Pan Aroma“

Regie:Arnim Beutel
Ausstattung:Stefan Testi
Dramaturgie/Video/Musik:Matthias Mohr
Regieassistenz/Inspizienz:Twyla Chantelau
Es spielen:
Saccard:Sebastian Muskalla
Caroline:Julia Glasewald
Hamelin:Camil Morariu
Baronin / Marquis:Lene Dax
Méchain / Delcambre:Insa Jebens
Busch / Daigremont:Daniel Sempf
Jantrou / Kolb:Jürgen H. Keuchel
Huret / Dejoie:Thomas Huth
Sigmund:Maximilian Heckmann
Gundermanns Stimme:(Sprachaufnahme)Fanny Lotte Beutel
Fotos:Stefan Testi
Premiere:3. Oktober 2015
Theater Marburg

Tschick

von Wolfgang Herrndorf (Bühnenfassung Robert Koall)

Maik und Tschick, zwei irre Typen auf dem Weg ins Leben: Das Mittelsächsische Theater bringt „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf auf die Bühne.

Freiberg. Was für Jungs, frech wie Oskar und erst 14. Frisch und aufmüpfig, legen sie den Turbo ein, um ihrer bürgerlich piefigen, herzlos eingefrorenen Welt zwischen Elternhaus und Schule zu entkommen. Sie entdecken das Leben und sich selbst. Am Ende stehen da zwei Freunde, die füreinander einstehen und an das Gute im Menschen glauben. Wolfgang Herrndorfs Jugendroman hat die Kraft von Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ (1972) und Mark Twains „Huckleberry Finn“, nur: Tschick und Maik sind von hier und heute, ein Bild ihrer Generation. Arnim Beutels Inszenierung in der Studiobühne des Theaters Freiberg bekam Riesenbeifall, zu Recht und trotz der Ausführlichkeit, mit der sich die Protagonisten in über zwei Stunden durch eine Vielzahl von Abenteuern erzählen. Doch das leidenschaftliche Spiel fördert die starke Geschichte brillant zu Tage und fesselt die anwesenden Schulklassen zur Premiere am Donnerstag so intensiv, dass keinerlei Unruhe aufkommt. Denn auch zu lachen gab es reichlich, sei es über die Karikatur des Lehrers (Andreas Pannach), die überzogenen Frauentypen von Conny Grotsch oder die lebenslustig kecke Isa (Susanna Voß), die sich die Bluse vom Leib reißt und Maik in allergrößte Verlegenheit stürzt. Frecher Jargon und authentischer Ton machen das Stück zur Fundgrube.

Erzählt wird aus der Perspektive von Maik (Christoph Wünsch), der Rückschau auf diesen verrückten Sommer hält, in dem er einen, seinen besten Freund fand. Der steht plötzlich in der Klasse, und der „Condor von Marzahn“, Maik, entdeckt in Tschick den Lichtblick in seiner verfahrenen Situation. Ein feinfühliger Typ ist Maik, trotz seiner schwierigen Eltern. Die Mutter trinkt und hält still, der Vater ist ein Prügelvater, eine Karikatur kleinbürgerlichen Anstands.

Die Schauplätze werden durchweg improvisiert mit allerwenigsten Mitteln. Zwei Stühle werden zum geklauten Lada, auf denen die Abenteuer beginnen. Der Badesee: ein Tuch. Die Fantasie erlaubt dennoch den schönsten, klarsten Blick in die kühlen Fluten. Ein enger schwarzer Kasten mit weißem Ledersofa, später Podest zum Raufklettern, beschreibt die enge verlogene Welt, in der Maik aufwächst.

Das größte Risiko der Inszenierung war vielleicht: Wie kommen zwei erwachsene Schauspieler mit der Darstellung 14-Jähriger klar? Gerade hier waren keinerlei Defizite zu bemerken. Martin Ennulat als Tschick und Christoph Wünsch als Maik halten den naiven Blick der Jugend, die Kühnheit ihrer Gedankenwelt, die Neugier, mit der sie sich ins Abenteuer stürzen, konsequent durch. Das kindliche Erwachen gelingt beiden. Martin Ennulat wandert sicher auf dem schmalen Grat des russischen Migrantenkindes und zeichnet einen schweigsamen und zuverlässigen Freund.

Wenn beide zur Musik von Richard Clayderman im „Auto“ im Takt die Augen verdrehen, synchron über kurvenreiche Strecken hin- und herfliegen, spürt man bei aller Ironie das tiefe Einverständnis der Freunde.

erschienen am 07.03.2015 ( Von Marianne Schultz )

Inszenierung / Ausstattung:Arnim Beutel
Tschick:Martin Ennulat
Maik Klingenberg:Christoph Wünsch
Frau Klingenberg (u.a.):Conny Grotsch
Herr Klingenberg (u.a.):Andreas Pannach
Fotos:Jörg Metzner
Premiere:5. März 2015
Mittelsächsisches Theater

Traumschmidt und Wolkenmeier

Kinderstück von Martina Montelius

Treffen sich zwei. Was kann da nicht alles passieren?!!! Gerade als sie mit dem Zug nach irgendwohin unterwegs ist, taucht er auf. Und schon die Begrüßung der beiden wird zu einer großen Lachnummer für das junge Publikum. „Killekille“ als Begrüßungsformel – wo gibt’s denn sowas? Martina Montelius, die schwedische Autorin des Kinderstücks, öffnet mit ihren zwei clownesken Gestalten eine wahre Wundertüte, aus der die Einfälle, die Spielideen, die kuriosesten Wortschöpfungen nur so purzeln.

Eins führt hier zum Nächsten, und bald gerät die ganze Sache so in Schwung, dass es kein Halten mehr gibt und nichts unmöglich zu sein scheint. „Was soll ich jetzt sein?“ So lautet die Frage immer wieder in der knappen Spielstunde – und schwupp sind die zwei überaus liebenswerten Figuren jeweils in einem neuen „Film“. Das Geschichten-Hopping ist so ansteckend, dass das neugierige Publikum sich bereitwillig darauf einlässt. Nicht nur, dass in Wolkenmeiers Frisur ein gelbes Flugzeug wippt und in Traumschmidts Bauch ein Telefon klingelt – hier scheinen alle Gesetze eines grauen Alltags aufgehoben zu sein. Und doch ist diese Szenenfolge nicht nur ein oberflächliches Trallala, sondern eine Achterbahnfahrt der Gefühle, in der mal nach Herzenslust gekichert werden kann, es aber auch traurige Momente gibt. Denn auch der Tod ist eines der Themen dieser Produktion für Zuschauer ab sechs Jahren, die ohne straffe Handlung auskommt. Die freie Erzählstruktur lässt der Fantasie dabei alle Freiheiten. Und das sensibel-clowneske Duo nutzt diese für jede Menge kreativer Spielideen. (Uta Trinks, Freie Presse, 03.02.2015)

Kritik Sächsische Zeitung, 31. Januar 2015

Kritik Döbelner Allgemeine Zeitung, 2. Februar 2015

Regie/Ausstattung/Musik:Arnim Beutel
Es spielen:
Wolkenmeier:Anna Bittner
Traumschmidt:Nancy Spiller
Fotos:Jörg Metzner
Premiere:30. Januar 2015
Mittelsächsisches Theater Döbeln